von Ritualen und Gewohnheiten Teil 1

von Ritualen und Gewohnheiten Teil 1

30. Juli 2022 0 Von Ines
Lesezeit 4 Minuten

Rituale und Gewohnheiten, zwei ähnlich anmutende Worte, und doch gibt es einen entscheidenen Unterschied.

Erwachsene und auch Kinder sehnen sich nach mehr Stabilität, Kontinuität und Geborgenheit, gerade in hektischen und unruhigen Zeiten. Rituale und Gewohnheiten können uns in diesen Zeiten Struktur und Geborgenheit vermitteln.

In diesem zweiteiligen Blogartikel schauen wir uns an, welche Kraft in Ritualen stecken kann. Wie Rituale zu Gewohnheiten werden können und welche Kraft in ihnen steckt. Wie wir unliebsame Gewohnheiten gehen lassen können.

Und ich habe ein paar Anregungen, wie wir kleine Rituale in den Alltag bringen können bzw. für größere Rituale für die wir uns ganz bewusst Zeit nehmen.

Mandala

Woran denkst Du beim Begriff Rituale?

An schamanische Trommeln, Beschwörungen, Opferrituale o.ä. Oder eher an festliche Zeremonien wie Hochzeiten, Taufen oder Beerdigungen?

Rituale reichen weit zurück in die Menschheitsgeschichte. Jede Kultur entwickelte ihre Zeremonien, die für sie von Bedeutung waren. Meist in größeren Gruppen. Heute werden nur noch wenige Rituale, wie Taufe, Hochzeit oder Beerdigung in einem feierlichen Rahmen in Gruppen durchgeführt.

Dafür werden Rituale aus anderen Kulturen – vorwiegend schamanischen Ursprungs –angeboten und mit Erfolg kommerziell angeboten.

Rituale beschäftigen heute jede Menge Sozialwissenschaften; wie die Psychologie, Pädagogik, Ethnologie, Religionswissenschaften oder Politikwissenschaften.

Durch die s.g. Ritualforschung finden Wissenschaftler einen Einstieg in die Erforschung der Stammeskulturen. Sie ist somit Teil der Geschichtsforschung.

Rituale und Gewohnheiten 4

Fakt ist, Rituale haben für den Menschen eine tiefgreifende Bedeutung.

Ob große Rituale, wie Hochzeiten o.ä. oder kleine ganz indivuduelle und selbst gestaltete Rituale.

Sie verlangen eine gewisse innere Einstellung, eine Haltung der Achtsamkeit, Konzentration und wenn möglich ein offenes Herz.

Woran denkst Du bei dem Begriff Gewohnheiten?

Ist es der morgendliche Kaffee, das wöchentliche Treffen mit Freunden, der Tee am Abend oder auch das Essen beim Fernsehen, an den Fingernägeln kauen etc.?

Gewohnheiten sind automatisierte Handlungs- und Denkabläufe!

Das heißt, wir haben unserem Gehirn, durch ständiges Wiederholen, beigebracht reflexartig zu reagieren. Man nennt das „Stimulus-Response-Lernen“ oder auch Konditionierung.

So dass wir über bestimmte Dinge oder Situationen, auf die unser Körper reagieren muss, nicht mehr nachdenken müssen sondern wir tun es einfach.



Nicht nur unsere Handlungen, sondern auch unser Denken ist davon betroffen. Wenn wir es gewohnt sind bestimmte Gedanken immer wieder zu denken, kommen wir aus dieser „Reaktionsschleife“ nicht heraus. Siehe dazu auch meinen Artikel „Das Hier und Jetzt“.

Gewohnheiten sind also unbewusste Abläufe!

Gewohnheiten laufen nach einem bestimmten Muster ab. Verantwortlich dafür sollen übrigens die s.g. Basalganglien in unserem Kopf sein. Eine Ansammlung von grauer Substanz in beiden Gehirnhälften. Dort werden unsere erlernten Bewegungs-/ Verhaltensabläufe abgespeichert.

Eine geniale Einrichtung, denn sonst müssten wir jeden Morgen überlegen wie rum wir die Zahnpastatube aufdrehen müssen. Oder ob wir beim Autofahren erst kuppeln, dann bremsen oder doch erst schalten (?) müssen usw.

Würde es diese Einrichtung nicht geben, würden unsere Stresshormone derart in die Höhe schnellen, weil unser Gehirn mit so viel Denkleistung überfordert wäre. Es spart daher enorm Energie und der „Autopilot“ regelt diese Dinge ganz von selbst.

Gewohnheiten

Natürlich sind nicht alle Gewohnheiten nützlich die unsere Basalganglien speichern. Ha – wer hätte das gedacht 😉. Da wären die ganzen Süchte (Zucker, Alkohol, Zigaretten, Arbeitssucht, die Sucht nach Zuneigung…), auch das abendliche Naschen, schlechte Ernährung, Bewegungsmangel, ständig zu spät zum Termin kommen u.v.m.

Rituale und Gewohnheiten haben eins gemeinsam

Sie geben uns Stabilität. Der Unterschied liegt in unserem Bewusstsein. Gewohnheiten laufen im Unbewussten ab wo hingegen Rituale ganz bewusste Abläufe sind.

Obwohl Gewohnheiten uns eine gewisse Sicherheit geben, entziehen sie sich unserer bewussten Wahrnehmung vom Leben an sich. Sie beeinträchtigen unsere Kreativität und unsere Aufmerksamkeit/ Achtsamkeit leidet. Und das Hier und Jetzt wird nicht erfahren.

Somit bleibt wenig Spielraum für Entwicklung und Veränderung. Die Gewohnheit nimmt sich keine Zeit für Sinnfragen!

Rituale dagegen führen wir sehr bewusst durch (so sollte es zumindest sein). Unsere ganze Aufmerksamkeit, Körper und Geist sind in diesem Augenblick.

Je mehr wir im gegenwärtigen Moment sind, desto mehr Ruhe und Gelassenheit breitet sich in uns aus.

Schlechte Gewohnheiten ablegen und wieder mehr Rituale integrieren – ein Ansatz

Um schlechte Gewohnheiten ablegen zu können, müssen wir sie erst einmal erkennen, dass wir sie haben. Klingt simpel, ist es aber nicht. Denn im Alltag fallen uns diese Gewohnheiten durch die vielen Ablenkungen nicht auf, weil wir mal wieder nur „funktionieren“. Siehe dazu auch meinen Artikel „Wissen ist nicht alles

Sind es „Stress-Gewohnheiten“ wie: in Hektik zu geraten, die eigenen Bedürfnisse nicht mitteilen, zu viel arbeiten, volle To-Do-Listen…?

Oder sind es eher „Genuss-Gewohnheiten“ (das abendliche Naschen vor dem Fernseher, Netflix schauen, Rauchen, Social Media oder Shopping-Seiten)?

Vielleicht sind es andere unbewusste Handlungen oder einfach Gewohnheiten, die wir ändern möchten

Blume

Schritt 1 also: wahrnehmen, dass ich schon wieder in den gewohnten Mustern stecke.

Schritt 2: feiere dich, dass du das wahrgenommen hast!!! Ja wirklich, dass ist wichtig! Denn das ist der erste Schritt hin zu mehr Bewusstheit. Vielen Menschen fällt das eben gar nicht erst auf.

Schritt 3: versuche herauszufinden, was dich einmal zu dieser Gewohnheit gebracht. Denn irgendwann, war sie mal nützlich für dich. Und heute sicher nicht mehr.

Schritt 4: versuche ein für dich passendes Ritual herauszufinden und dieses anstelle der Gewohnheit einzusetzen.

Ein Ritual durchgeführt jeden Tag und das 30 Tage lang – wird zu einer Gewohnheit. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

Der Übergang von Rituale zu Gewohnheiten ist allerdings fließend

So kann es ein Ritual sein, jeden Abend um 20 Uhr zur Nachrichtenzeit den Fernseher anzuschalten und so seinen Abend und das der Familie danach auszurichten. Wiederholt man dies des Öfteren, wird es zur Gewohnheit.

Riten und Angewohnheiten

Vielleicht sind es andere unbewusste Handlungen, die zur Gewohnheit geworden sind. Das kann z.B. auch der Gute-Nacht-Kuss an deinen Partner*in oder deine Kinder sein. Wir tun es einfach, weil wir es immer so machen. Und sollte das nicht ein ganz bewusster Akt der Liebe sein?

Versuche so wenig wie möglich zur Gewohnheit werden zu lassen. So bleibst du flexibel auch bei Unvorhergesehenem.

Im Teil 2 dieses Blogartikels gebe ich dir ein paar Anregungen für kleine und größere Rituale. Sie können dir helfen schlechte Gewohnheiten gehen zu lassen.

Bilder in diesem Artikel von Ines Domdey, Anke Sundermeier, Tracy Lundgren und Jan Vasek